Zukunft der Asyl- und Migrationsbewegung: Visionen auf dem Prüfstand

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Podiumsdiskussion am Kongress

Der Kongress der Asyl- und Migrationsbewegung im November 2025 brachte eine Bewegung zusammen, die trotz anhaltender politischer Angriffe, stetiger Gesetzesverschärfungen und gesellschaftlicher Polarisierung weder sprachlos noch resigniert ist. An der zentralen Podiumsdiskussion des Kongresses wurden zwar keine fertigen Antworten präsentiert, dafür aber ein kollektiver Denkraum eröffnet: ein Versuch, unterschiedliche Erfahrungen, politische Perspektiven und strategische Zugänge miteinander ins Gespräch zu bringen – und sie mit der Realität eines zunehmend repressiven migrationspolitischen Klimas zu konfrontieren.


Schon die Einleitung von Moderator Guy Zurkinden verdeutlichte, vor welchem Hintergrund das Podiumsgespräch geführt wurde. Zurkinden beschrieb die politische Landschaft als geprägt von rassistischer Normalisierung, dem Erstarken der extremen Rechten, institutioneller Gleichgültigkeit gegenüber dem Sterben an den Grenzen und einer Asylpolitik, die Kontrolle systematisch über Schutz stellt. Der Anspruch des Podiums war jedoch nicht, sich im Lamento zu verlieren, sondern Visionen für die Zukunft zu formulieren – und sie zugleich einer Realitätsprüfung zu unterziehen.


Fünf Stimmen, fünf politische Zugänge
Fünf Podiumsbeiträge eröffneten unterschiedliche, aber miteinander verwobene Blickwinkel auf diese Zukunft. Mahtab Aziztaemeh, Mit-Koordinatorin des Flüchtlingsparlaments und Co-Geschäftsleiterin von «Bildung für alle – jetzt!», diskutierte politische Teilhabe als Machtfrage. Geflüchtete seien nicht länger Objekte politischer Entscheidungen, sondern politische Subjekte, bereit, Verantwortung zu übernehmen. Teilhabe dürfe nicht symbolisch bleiben, sondern müsse strukturell verankert werden – nicht aus Grosszügigkeit, sondern weil Demokratie, Gesellschaft und Zusammenleben davon profitieren. Die Forderung «Mit uns, nicht über uns» erhielt so eine explizit politische Zuspitzung.


Einen radikal menschenrechtlichen Horizont entwarf Lea Hungerbühler, Anwältin und Präsidentin von AsyLex. Ihre Vision zielte paradoxerweise auf das eigene Überflüssigwerden: auf eine Zukunft, in der Menschen Schutz erhalten, ohne kämpfen zu müssen, in der Kinder ohne Angst zur Schule gehen, Familien zusammenleben können und Menschen nicht mehr aufgrund ihres Aufenthaltsstatus kontrolliert, inhaftiert oder entrechtet werden. Nicht von einer «Flüchtlingskrise» müsse gesprochen werden, sondern von einer Menschenrechtskrise – und von der Notwendigkeit, Menschenrechte endlich als das zu behandeln, was sie immer sein sollten: universell und unteilbar.


Mit Amine Diare Conde, Gründer von «Essen für alle», rückte die solidarische Praxis in den Mittelpunkt. Seine Ausführungen machten deutlich, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht abstrakt entsteht, sondern dort, wo Menschen füreinander da sind, ohne Fragen zu stellen. So verstanden sei solidarische Freiwilligenarbeit kein karitativer Zusatz und auch keine Notlösung, sondern ein gesellschaftliches Fundament: ein gelebter Gegenentwurf zu Bürokratie, Misstrauen und Ausschluss und ein Erfahrungsraum, in dem eine andere Gesellschaft bereits Realität ist.


Hilmi Gashi, Gewerkschafter bei der Unia, Vorstandsmitglied von Solidarité sans frontières und engagiert in der Demokratie-Initiative, verortete die Debatte explizit im Kontext der postmigrantischen Schweiz. Migration sei keine Ausnahme, sondern Normalität. Demokratiedefizite entstünden dort, wo ein Viertel der Bevölkerung von politischen Rechten ausgeschlossen bleibe. Mit Blick auf die Demokratie-Initiative plädierte er dafür, die politische Erzählung nicht den Rechten zu überlassen, sondern stattdessen selbst wieder offensiv zu werden – auch durch institutionelle Projekte, die neue Allianzen ermöglichen und Handlungsspielräume öffnen.


Einen weiteren Zugang präsentierte Cristina Del Biaggio, Forscherin und Medienarbeiterin. Sie zeigte, wie wissenschaftliche Arbeit, Recherche und transdisziplinäre Zusammenarbeit zu politischen Werkzeugen werden können: dort, wo staatliche Gewalt sichtbar gemacht, Gegenöffentlichkeit hergestellt und Bewegungen mit Wissen ausgerüstet werden. Forschung erschien hier nicht als distanzierte Beobachtung, sondern als Teil politischer Intervention – eng verknüpft mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, Medien und juristischen Kämpfen.


Vom Reagieren zum Agieren
In der anschliessenden Diskussion verschob sich der Fokus deutlich. Die Wortmeldungen aus dem Publikum machten jene Spannungen sichtbar, die unter der Oberfläche der vorgestellten Visionen liegen. Eine der zentralen Fragen lautete: Wie kommt die Asyl- und Migrationsbewegung aus der Defensive heraus?


Viele Wortbeiträge beschrieben eine Situation, in der enorm viel Energie in das Abwehren immer neuer Verschärfungen fliesst, während eigene politische Ziele in den Hintergrund geraten. Mehrfach wurde gefordert, den Fokus wieder zu verschieben: weg vom reinen Reagieren, hin zu einer offensiven politischen Agenda. Gleiche Rechte für alle, die hier leben, wurden dabei nicht als fernes Ideal, sondern als demokratische Notwendigkeit angesehen. Angriffe auf migrantische Bevölkerungsgruppen seien immer auch Angriffe auf demokratische Grundrechte insgesamt.


Gleichzeitig traten Differenzen zutage. Während einige Stimmen die Zivilgesellschaft als eigentlichen Ort gesellschaftlicher Veränderung hervorhoben und parlamentarische Prozesse skeptisch betrachteten, warnten andere davor, institutionelle Räume kampflos aufzugeben. Diese seien widersprüchlich und umkämpft – und müssten gerade von migrantischen Akteur:innen, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen stärker besetzt werden.


Wer spricht? Wer wird gehört?
Eng damit verbunden war die Frage nach politischer Repräsentation: Wer spricht, wer entscheidet, wer wird gehört? Mehrfach wurde darauf verwiesen, dass Migrant:innen und Geflüchtete selbst dort, wo sie thematisiert werden, oft trotzdem nur die Objekte politischer Auseinandersetzungen bleiben. Teilhabe wurde entsprechend nicht als symbolische Einladung verstanden, sondern als reale Machtfrage – mit direkten Konsequenzen für Ressourcen, Sichtbarkeit und politische Prioritäten.


Besonders prägnant war die Debatte um die soziale Frage. Mehrere Wortmeldungen kritisierten, dass migrationspolitische Kämpfe isoliert geführt würden, während soziale Ungleichheit, Arbeitsbedingungen und ökonomische Abhängigkeiten aus dem Blick gerieten. Andere widersprachen einer einfachen Gegenüberstellung und betonten, dass soziale Rechte und Inklusion untrennbar miteinander verbunden seien – insbesondere dort, wo der Aufenthaltsstatus als Sanktions- und Disziplinierungsinstrument eingesetzt wird.


Gerade in diesen Spannungen wurde sichtbar, wo die Bewegung noch keine gemeinsamen Antworten gefunden hat. Die Visionen aber sind da: vielfältig, postmigrantisch, solidarisch. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, sie zu bündeln, politisch zuzuspitzen und in eine kollektive Kraft zu übersetzen, die über das Reagieren hinausgeht. Der Kongress hat gezeigt, dass die Asyl- und Migrationsbewegung nicht am Anfang steht – aber an einem Punkt, an dem Selbstverständigung, Mut und gemeinsame Orientierung ausschlaggebend sein werden.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Sosf-Bulletin Nr. 1, 2026.