Todesfälle im Asylsystem: «Er war nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte sein!»

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Gedenkfeier für D.

An einem Sonntag, Anfangs April 2026, nahm sich D. auf schreckliche Art das Leben. Der junge, erst 31-jährige Burundier sprang am helllichten Tag aus dem Fenster seines Zimmers im neunten Stock der riesigen «Kollektivunterkunft» beim Zürcher Stadtspital Triemli. Er hatte, so erzählen seine Freund:innen, einen ablehnenden Entscheid des SEM erhalten und wusste nicht mehr weiter.


Am darauffolgenden Samstag organisierten die burundische Community und solidarische Menschen aus dem Lager und aus Zürich eine Gedenkveranstaltung an dem traurigen Ort, an dem D. verstarb. Das Zeugnis seines jüngeren Wohnpartners, dem D. zum «grand frère» und Mutmacher in hoffnungslosen Zeiten geworden war, erschütterte die über 300 Teilnehmenden. Ebenso wie das tieftraurige kurdische Lied, das ein Leidensgenosse aus dem Triemli für ihn sang.


Die Leitung der Kollektivunterkunft versuchte die Veranstaltung erst zu verbieten, dann in eine nahe Kirche umzudirigieren und gab angesichts der vielen trauernden Menschen schliesslich auf. Worte des Bedauerns seitens der Zürcher AOZ, die die Kollektivunterkunft betreibt, oder gar ein Beileidsbesuch eines Mitglieds der Stadtbehörden blieben aus. D. ist nur ein Toter mehr. In den Beton-Silos der Kollektivunterkünfte Triemli sei es in den letzten Jahren zu vier oder fünf Todesfällen oder Selbstmorden gekommen, erzählt ein langjähriger Bewohner.


Panik vor dem Sonderflug
Wieder eine Woche später, während ich versuche, ein paar Fakten zu den Todesfällen und Selbsttötungen in Schweizer Asylunterkünften, Lagern, Gefängnissen, Heimen und Wohnungen zusammenzutragen, drehen meine Messenger-Apps durch. In der Romandie und im Kanton Solothurn wurden Menschen aus Burundi verhaftet. Es sieht ganz so aus, als plane das SEM einen Sonderflug nach Bujumbura, der gefüllt werden muss. Panik, Angst, Hilflosigkeit macht sich breit. Aus der Romandie wird ein offener Brief an die verantwortlichen Behörden verfasst. Am Dienstag, 21. April 2026, werden dann 11 Personen, darunter zwei Kinder und ein Baby, mit einem gecharterten Airbus einer tschechischen Billig-Airline gewaltsam nach Burundi ausgeschafft. Wir befürchten weitere Sonderflüge nach Burundi.


Die Toten der Lager
«D. war nicht der Erste und er wird nicht der Letzte gewesen sein», schreibt jemand in einem Chat. In der Tat: In den Schweizer Ausschaffungsgefängnissen, den Asylunterkünften und den Wohnungen sterben viele und niemand führt Statistik: Der damals 62-jährige Andri Krylow starb am 30. April 2025 im Zürcher Ausschaffungsgefängnis. Er hatte bereits einen Suizidversuch hinter sich und die Behörden wussten davon. Das hat sie nicht daran gehindert, ihn in Ausschaffungshaft zu stecken, um den Druck zur Ausreise auf ihn zu erhöhen. Am 8. Mai 2025 kam es zu einem weiteren Selbstmordversuch des jungen M. im Ausschaffungsgefängnis Zürich. Am 19. Mai trat der damals 21-jährige A. in den Hunger- und Durststreik. Er hatte sich zuvor von den anderen im Gefängnis abgeschottet und die Zelle nicht verlassen. Am 26. Mai reagiert er bei der abendlichen Verteilung von Psychopharmaka nicht mehr – am nächsten Tag werden die Mitgefangenen über seinen Tod informiert.


Tragisch auch der Tod von M. aus Somalia. Als ganz junger Mensch schaffte er die gefährliche Reise nach Europa – was er dort erlebt hat, wissen wir nicht. In der Schweiz war er zuerst in den Strukturen für Minderjährige. Mit 18 verlor er dann den Halt. Aus Angst vor der Polizei sprang er im Sommer 2025 aus dem Fenster eines Hotels in Zürich.


Niemand führt Statistik
Auch das sind nur drei Geschichten von vielen. Der 40-jährige Tesfaye nahm sich, zermürbt vom Nothilferegime, in der Nacht auf den 3. August 2024 im bernischen Gampelen das Leben. Im Berner Regionalgefängnis Burgdorf starb am 18. Januar 2025 ein 27-jähriger Mann, kurz darauf starb ein nur 22-jähriger Mann aus Marokko im Regionalgefängnis Bern.


Viele Bewohner:innen der Asyl- und noch mehr der Nothilfestrukturen können ähnliche Geschichten erzählen. Die Menschen in den Camps bewahren die Erinnerung an die Toten des Schweizer Asylsystems. Doch niemand erzählt ihre Geschichte und niemand in der so zähl- und kontrollwütigen Schweiz führt eine Statistik. Wir trauern um D.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Sosf-Bulletin Nr. 2, 2026.