Dieser Rückblick erschien zuerst auf asile.ch und wurde von Rahel Alt für den Verein elisa-asile geschrieben. Fotos: Ursula Markus.
Unter dem Motto «Reclaim mobility, freedom, rights» fand am 28. und 29. November 2025 in Bern der Kongress der Asyl- und Migrationsbewegung statt. Er versammelte eine Vielzahl von Kollektiven, Vereinen, betroffenen Personen und Solidaritätsinitiativen aus der ganzen Schweiz. An beiden Tagen kamen rund 400 Leute zusammen, um ihre Erfahrungen auszutauschen, die Arbeit anderer kennenzulernen und gemeinsam ihr Wissen über Kantons- und Sprachgrenzen hinweg zu erweitern. Dabei verschwammen die Grenzen zwischen Teilnehmenden und Referierenden und es war spürbar ein Anlass, der von und für die Bewegung selbst organisiert wurde.
Die Organisator:innen wollten einen Raum schaffen, der den Austausch und die Reflexion innerhalb der Bewegung fördert. Mit 24 Workshops, 7 World Cafés und drei Abendveranstaltungen bot der Kongress die Möglichkeit, eine oft fragmentierte Bewegung in einen Dialog zu bringen. «Wir sehen es zwar nicht als unsere Aufgabe an, diese Fragmentierung zu überwinden, aber trotzdem dafür zu sorgen, dass es einen guten Austausch zwischen all den Gruppen gibt. Dass wir also erfahren, was in anderen Regionen zu ähnlichen Themen läuft, und auch voneinander lernen können, uns Praktiken, Strategien, Protestformen etc. voneinander abschauen können und auch gemeinsam neue entwickeln können», betont Simon Noori, Sekretär von Solidarité sans frontières. Diese Vielfalt, die angesichts grösserer Herausforderungen und ständiger Angriffe zwar auch als Hindernis wahrgenommen werden kann, wurde auf diesem Kongress als grundlegende Bereicherung bekräftigt.

Synergien und Vernetzung
Natürlich bestehen bereits verschiedene Formen der Vernetzung: auf kantonaler Ebene, wie in Genf mit der Coordination asile.ge, die alle zwei Wochen eine breite Koalition von Gruppen und Organisationen zusammenbringt, auf regionaler Ebene, wie die Solinetze, die in mehreren Kantonen der Deutschschweiz aktiv sind, oder auch auf Bundesebene, wie das Bündnis unabhängiger Rechtsarbeit im Asylbereich, sowie zahlreiche informelle Synergien und andere Vernetzungsräume. Im Rahmen des Kongresses konnte sich diese kollektive Dynamik nun in einzigartiger Weise auf nationaler Ebene entfalten und mit einer hohen Dichte an unterschiedlichen Themen.

Austausch von Praktiken und Taktiken
Der Austausch schuf einen Raum, in dem kantonale Praktiken vergleichend analysiert, Widerstandstaktiken gegenüber Behörden diskutiert, Unterstützungsansätze geteilt und die strukturellen Dimensionen der Migrationspolitik kritisch reflektiert wurden. Der zweisprachige Workshop «Vernetzung gegen Ausschaffungen», geleitet von Droit de Rester Lausanne und Pikett Asyl, bot ein anschauliches Beispiel dafür: Er ermöglichte es den Teilnehmenden aus Freiburg, dem Tessin, Waadt, Luzern, Solothurn, Genf und weiteren Kantonen, ihre regionalen Beobachtungen auszutauschen und gemeinsame Strategien gegen zwangsweise Rückführungen zu entwickeln. Ein weiterer Workshop zur Vernetzung und Unterstützung von Migrationskämpfen machte die Vielfalt und Entschlossenheit der lokalen Bewegung sichtbar. Organisiert vom Migrant Solidarity Network und der Autonomen Schule Zürich, vereinte das Panel Vertreter:innen von Stop Dublin Greece, dem Verein der sudanesischen Asylsuchenden sowie eine Person, die sich für verbesserte Bedingungen im Notunterkunftszentrum Kaltbach einsetzt. Er zeigte zudem, wie zahlreiche Kollektive Lücken im Asylsystem schliessen und durch kollektiven Druck konkrete Verbesserungen erreichen.

Die thematische Vielfalt ermöglichte einen Einblick in weitere Engagements: Familienzusammenführung, LGBTIQ+-Personen im Asylsystem, Medienarbeit, Unterbringungsbedingungen, lokaler Widerstand und strukturelle Kritik am Asylsystem. Auch Perspektiven, die über den Rahmen des Asylwesens hinausgehen, waren präsent - insbesondere mit dem Vortrag der Soziologin Nandita Sharma «Jenseits der Grenzen: Dekolonisierung, Solidarität und Bewegungsfreiheit», der es ermöglichte, Migration in einen grösseren Zusammenhang zu stellen und sie im Kontext von Grenzen als politische Instrumente zu analysieren, die aus der Weltordnung und der Kolonialgeschichte hervorgegangen sind.

Den Rückmeldungen der Teilnehmenden und Referent:innen zufolge war der Kongress besonders bereichernd und motivierend und ermöglichte es, Praktiken und Strategien zwischen Kantonen und Sprachregionen zu vergleichen und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer grösseren Bewegung zu stärken. Auf Seiten der Organisator:innen herrscht Einigkeit darüber, diesem Event Folge zu geben. Mittelfristig ist ein weiterer Kongress geplant, ohne jedoch andere Formen der Mobilisierung zu vernachlässigen.
Das Ziel bleibt es, regelmässige Räume für Austausch und Koordination zu schaffen, die die sichtbareren nationalen Veranstaltungen ergänzen, um die interne Stärkung und die politische Präsenz im öffentlichen Raum miteinander zu verbinden.